Reformatoren

Neben und mit Martin Luther wirkten damals an verschiedenen Orten viele weitere Reformatoren. Während sich die lutherischen Kirchen vor allem auf Martin Luther beziehen, sind für reformierte Gemeinden auch der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli und als Reformator der zweiten Generation der Genfer Johannes Calvin wichtig. Der bedeutende reformierte Theologe des 20. Jahrhunderts ist  Karl Barth.

Johannes Calvin

Reformator der zweiten Generation

Als Reformator der zweiten Generation hat Johannes Calvin (1509–1564) den reformierten Protestantismus entscheidend geprägt und zu seiner Verbreitung beigetragen.
Durch die Lehren Luthers beeinflusst floh Calvin 1533 aus dem katholischen Frankreich und zog durch Italien und die Schweiz. In dieser Zeit der Flucht schrieb er sein dogmatisches Hauptwerk, die Christianae Religionis Institutio, den Unterricht in der christlichen Religion (herausgegeben in Basel 1536).

Gemeindeordnung Calvins erzeugt Widerstand

Ab 1536 war Calvin mit dem Aufbau der reformatorischen Gemeinde in Genf betraut. Die von ihm eingeführte Gemeindeordnung stieß aber auf so viel Widerstand, dass er 1538 Genf in Richtung Straßburg verlassen musste. 1541 holte man Calvin zurück nach Genf, wo die Gemeindeordnung nun mit strenger Kirchenzucht eingeführt wurde.

Vier Ämter

Aufgrund der biblischen Quellen (auch im Blick auf die Struktur der Kirche gilt bei Calvin: sola scriptura!) unterscheidet Calvin vier gemeindliche Ämter:

  • die Pastoren
  • die Ältesten
  • die Lehrer
  • die Diakone

Die Gemeindeleitung liegt in den Händen des Konsistoriums, das sich aus Pastoren und Ältesten zusammensetzt.

Aufwertung von Laien

Prägnant für die calvinische Gemeindeordnung ist die Aufwertung der Laien gegen über den Pastoren, was bis in die heutige Zeit ein wichtiges Merkmal reformierter Identität ist.
Von großer Bedeutung ist außerdem die Prädestinationslehre Calvins.

Calvinismus

Calvins Einfluss erstreckte sich durch die Gründung der theologischen Akademie in Genf und zahlreiche Briefwechsel von Genf aus bald über ganz Europa.
Der Calvinismus prägte nicht nur den Glauben sondern auch die Gesellschaft in vielen Teilen Europas.
Calvin starb nach langer Krankheit am 27. Mai 1564 in Genf.

Ulrich Zwingli

Ulrich Zwingli (1484–1531) gehört neben und mit Martin Luther zu den Reformatoren der ersten Stunde.
Wie für Luther gilt auch für Zwingli die Bibel als die alleinige Richtschnur. Während in Luthers reformatorischer Erkenntnis jedoch die Rechtfertigungslehre des Paulus in den Vordergrund rückt, betont Zwingli den Zusammenhang der ganzen Bibel, des Neuen und des Alten Testamentes.

Wurstessen in der Fastenzeit

Als Pfarrer in Glarus (1506–1516) und als Leutpriester in Einsiedeln (1516–1519) und am Großmünster in Zürich (1519–1531) hat Zwingli zunächst vor allem den Schweizer und den oberdeutschen Raum geprägt. Die Verbreitung der 95 Thesen Luthers äußerer gelten als Anstoß der Wittenberger Reformation gelten. In Zürich gab ein Wurstessen in der Fastenzeit 1522 den äußeren Anstoß zum reformatorischen Durchbruch. Zwingli war bei diesem Wurstessen anwesend, aß aber selbst nicht mit. So konnte er die Fastenbrecher um den Zürcher Buchdrucker Froschauer vor dem Stadtrat verteidigen ohne persönlich angreifbar zu sein.

Die Bibel als alleinige Grundlage des Glaubens

Dem Ablasshandel entsprechend war aber auch dieser Fastenstreit nur ein Exempel: Es ging darin letztlich um die Geltung der Bibel als alleiniger Grundlage christlichen Erkennens und Glaubens (sola scriptura!). Zwingli hatte diese reformatorische Einsicht seit seiner Zeit in Glarus (dort beeinflusst durch den Humanisten Erasmus von Rotterdam) gewonnen. Der Große Rat der Stadt Zürich folgte der Argumentation Zwinglis, allein die Bibel sollte entscheiden, alle Fastengesetze wurden somit aufgehoben (1. Zürcher Disputation 29. Januar 1523).

Radikale Reformbewegung in der Schweiz

Die Reformation in der Schweiz verlief vielerorts radikaler als die Wittenberger Reformation: In den Gottesdiensten sollte nichts vom Wort Gottes ablenken. Auf Beschluss der 2. Zürcher Disputation (26.–29. Oktober 1523) wurden aus den Kirchen alle Bilder und Kreuze entfernt, mancherorts sogar die Orgeln (obwohl Zwingli selbst großer Musikliebhaber war). Die Messe wurde mit der 3. Zürcher Disputation (13./14. Januar 1524) endgültig abgeschafft.

Konzentration auf die Bibel

Die Merkmale der Schweizer Reformation prägen evangelisch-reformierte Gemeinden bis heute: Die Schlichtheit der Kirchen und der liturgischen Gestaltung der Gottesdienste, die Konzentration auf die Bibel und ihre Auslegung in der Predigt. Noch heute werden in vielen evangelisch-reformierten Gemeinden Reihenpredigten gehalten, womit Zwingli selbst 1519 in Zürich mit Predigten über das Matthäusevangelium begann.

Zürcher Bibel

Neben den anderen üblichen Bibelübersetzungen (Luther, Einheitsübersetzung, usw.) wird in evangelisch-reformierten Gemeinden oftmals die Zürcher Übersetzung benutzt, die auf Zwinglis Arbeit in der Prophezey zurückgeht: Für die tägliche Auslegung der Bibel für die Gemeinde durch die Zürcher Pfarrer wuchs seit 1524 eine Übersetzung der Bibel, die 1531 erstmals komplett mit einer Vorrede von Zwingli gedruckt wurde. An der Übersetzung war neben Zwingli vor allem Leo Jud beteiligt. Außerdem geht die Übersetzung in vielen Teilen von Luthers Arbeiten aus.

Lutheraner und Reformierte: Der Unterschied

Die Spaltung der reformatorischen Bewegung in Reformierte und Lutheraner entschied sich letztlich in der Abendmahlsfrage. Zwingli, Luther und viele andere trafen sich 1529 zum Marburger Religionsgespräch, das die Einigung der Evangelischen zum Ziel hatte. Die von Luther vertretene leibliche Realpräsenz Christi in den Abendmahlselementen war für Zwingli und seine Anhänger jedoch nicht annehmbar, sodass in dieser Frage ein trennender Unterschied festgestellt werden musste.

Der Tod Zwinglis

Ulrich Zwingli starb am 11. Oktober 1531 beim 2. Kappelerkrieg, in dem er als Feldprediger teilnahm.

Zwinglis Nachfolger in Zürich war der Reformator Heinrich Bullinger.

Karl Barth

Führungsfigur der Bekennenden Kirche

Karl Barth ist einer der bedeutendsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Als Pfarrer im Schweizer Dorf Safenwil legte der noch junge Theologe 1919 und 1922 zwei Kommentare zum Römerbrief des Paulus vor, die ihn weithin bekannt machen sollten. Als Professor in Göttingen, Münster und Bonn war Barth von 1921-1935 in Deutschland. Hier war er neben und mit seiner theologischen Arbeit direkt in den beginnenden Kirchenkampf involviert und wurde zu einer der Führungsfiguren der Bekennenden Kirche.

Beamteneid auf Hitler verweigert

So sind z.B. die Thesen der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 maßgeblich von Barth formuliert worden. Nachdem Barth seine Bonner Professur verloren hatte, weil er den Beamteneid auf Hitler verweigert hatte, kehrte er als Professor für Systematische Theologie zurück in die Schweiz nach Basel. Als eine Schweizer Stimmebezog Barth aber weiterhin in Vorträgen und Briefen deutlich Stellung zur politischen Lage in Deutschland.

Friedensarbeit

Nach dem Krieg setzte sich Barth für die Versöhnung mit den besiegten Deutschen ein und engagierte sich in der Zeit des Kalten Krieges sehr aktiv in der Friedensarbeit, z.B. im Kampf gegen die Wiederbewaffnung der beiden deutschen Teilstaaten.

Religion ist Angelegenheit des gottlosen Menschen

Als Theologe repräsentiert die dialektische Wort-Gottes-Theologie Barths einen entscheidenden Aufbruch innerhalb der protestantischen Theologie. Seine theologischen Arbeiten, allen voran die ab 1932 verfasste Kirchliche Dogmatik, sind von einer am biblischen Wort orientierten Stringenz gekennzeichnet, die in ihrem Kern die christliche Existenz und die Kirche in ihren verschiedenen Lebensbezügen immer wieder aufs Neue in Frage stellte. So ließ Barth Feuerbachs Religionskritik grundsätzlich gelten, wenn er 1938 schreibt:

Religion ist Unglaube; Religion ist eine Angelegenheit, man muss geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen.

- Kirchliche Dogmatik I, 2 § 17
Jesus Christus

Von dieser grundsätzlichen Religionskritik ausgehend markiert Barth im Gegenüber zu der vom Menschen selbst gemachten und erdachten Religion die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als alleinigen Ausgangspunkt allen christlichen Redens und Existierens.

Von hoher Bedeutsamkeit sind auch die Predigten, die Barth als Pfarrer und als Professor in verschiedenen Kirchengemeinden und in der Basler Strafanstalt hielt.
Barth starb am 10. Dezember 1968 im Alter von 82 Jahren in seinem Geburtsort Basel.